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Im Schatten der Stadtplanung

Wenn ein Konzept verschlimmbessert wird.

Am vergangenen Dienstag, den 16.8.2016, wurde der Bürgerinitiative wie angekündigt ein überarbeitetes Konzept zur Bebauung der »grünen Lunge« vorgestellt. Präsentiert wurde das Konzept von Frau Wedler (Leiterin der Abteilung Planung und Bauordnung West) und Frau Endrulat, sowie Herrn Plagemann von der Gewoba. Dafür erstmal vielen Dank, denn der Schritt mit uns zu Beginn über die Pläne zu sprechen ist schon mal der versprochene und richtige Weg.

Aber zum Hintergrund:
Am 30.9.2013, also vor fast drei Jahren, wurde im Beirat ein Konzept präsentiert, welches in vielen Bereichen gegen bestehende Auflagen (gesetzlich gültiger Bebauungsplan) verstoßen hat und auch ansonsten nicht gerade überzeugen konnte. Wir haben damals schon einige Anträge in Bezug auf Parkplätze, Freiflächen, Lärmschutz etc. eingereicht.

Das ursprüngliche Konzept konnte nicht umgesetzt werden, auch weil das Studentenwerk (Studentenwohnungen) und die ev. Kirche (Kita) als Partner abgesprungen sind.

In der Zwischenzeit wurden zwei Gutachten erstellt. Ein Geruchsgutachten und ein Lärmschutzgutachten. Beide wurden uns vorgestellt. Im Vorfeld war uns schon klar, dass diese Gutachten einzig und allein den Zweck haben den zur Zeit gültigen Bebauungsplan ändern zu können. Im Moment ist für diese Fläche nämlich zum Überseetor nur Gewerbebebauung möglich (die Fläche zur Bogenstraße darf mit Wohnungen bebaut werden). Das aufgrund der starken Lärmbelastungen durch die vorhandenen Gewerbe Lärmemitenten und den kommenden Verkehrsaufkommen. Auch die Anzahl der Geschosse und die zu bebauende Fläche sind genau geregelt. So darf die Wohnbebauung nur 2 Vollgeschosse mit Satteldach haben. Das macht ja auch Sinn, damit sich eine mögliche Bebauung an die vorhandene Struktur und Architektur des 127 Jahren alten »Stadtdenkmal« best möglichst integrieren kann.

Natürlich sind die Gutachten positiv ausgefallen, d.h. eine kompletten Bebauung der Fläche mit Wohnungen steht nichts im Wege – bis auf den Bebauungsplan, der aber wie schon erwähnt geändert werden soll.

Aber nun zum vorgestellten Konzept:
Als erstes können wir positiv festhalten, dass durchaus auf die Kritik von vor drei Jahren eingegangen wurde, d.h. die Bebauung zur Bogenstraße wurde zurück gesetzt, damit die Bäume und ein kleiner Grünstreifen erhalten bleibt. Die Kfz-Zuwegung soll über das Überseetor erfolgen damit das Heimatviertel nicht noch mehr Verkehr ausgesetzt wird und es soll eine Tiefgarage für 100 Stellplätze geben, damit die katastrophale Parksituation im Waller Wied nicht noch schlimmer wird. Soweit so gut – aber eigentlich Selbstverständlichkeiten.

Jetzt ist es aber so, dass die Stadt Wohnungen bauen muss. Aus unterschiedlichen Gründen, die wir hier nicht näher beleuchten möchten. Aber warum eigentlich meint die Stadt (Eigentümer der Gewoba zu ca. 75%) eigentlich das kleine Stückchen grüne Fläche zuzubauen? Denn, aus ursprünglich geplanten 40 Wohneinheiten, sind jetzt (wie im Vorfeld schon befürchtet und berichtet) tatsächlich ca. 100 Wohneinheiten geworden. Gilt für andere Bebauungsflächen inzwischen die Regel, das 25% sozial geförderte Wohnungen sein sollen, so sollen hier 80 % (können aber auch 100%) geförderte Wohnungen entstehen. Auch ein paar Gewerbeeinheiten – aber wer oder was will den hier tatsächlich einen Bäcker oder Gastro eröffnen? Aber damit noch nicht genug. Tatsächlich wird das Argument des Schallschutzes dazu „missbraucht“ uns in der zweiten Reihe (und direkt am Basketballplatz) 4 – 8 Stockwerke zu präsentieren. Nur mal so zum Vergleich. Unsere Häuser sind mit Spitzdach ca. 10 Meter hoch – ein 8-stöckiger Turm ist mal locker 24 Meter hoch. Dazu sollen sich diese Geschosse an der Ecke „Am Waller Wied“ und „Überseetor“ zu einem architektonischen Leuchtturm „stapeln“. Die Argumentation von Frau Wedler man müsste die Gebäudehöhen der Überseestadt aufnehmen und städtebaulich auf den Stil der Überseestadt reagieren, ist blanker Hohn. Denn hier wir nur aus der Makroperspektive (Vogelperspektive) von oben auf abstrakte Formen und Fluchten geschaut und nicht an dort wohnenden Menschen gedacht. Das dahinter das Heimatviertel, mit seiner 127 Jahre alten Tradition in den Schatten gestellt wird, das ist den Planern anscheinend ziemlich egal. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn genau in der Flucht zum geplanten Bollwerk geht die Sonne unter. Seit 127 Jahren bekommt das Heimatviertel und die Bogenstraße so viel Licht und Lebensgefühl. In Zukunft würde man vom Heimatviertel auf einen dunklen Turm schauen, der seinen Schatten sprichwörtlich auf die Bewohner des Waller Wieds werfen würde. Auf der Vorschlag der Bürgerinitiative diese „wirtschaftlich notwenigen Geschosse“ doch Richtung Nordstraße zu stapeln wurde gleich abgeschmettert – aus architektonischen Gründen. Das mit dieser Wand durchaus auch ein Schallproblem entstehen könnte, darüber wollen wir an diese Stelle gar nicht reden. Aber eventuell über Lärm. Den macht nämlich die vorhandene hochfrequentierte Güter-Bahnlinie (zur allen Bestands Industrieunternehmen am Holzhafen wie die Rolandmühle oder J. Müller). Schon jetzt hört man (vor allem nachts) die Güterzüge ständig und laut. Teilweise bebt die Erde sogar bis in die Eintrachtstraße. Das laut neuem Konzept hier hunderte Menschen direkt daneben (3 m) ihre Wohnungen beziehen sollen, daran hat man wohl nicht gedacht.

Aber es wird noch schlimmer. Die bebaute Grundfläche (GFZ) steigt zwar nicht aber die gewollte Geschossfläche (GRZ) steigt um 45%!! Denn die Planungen der Stadt gehen noch weiter. Gegenüber der Schule an der Nordstraße, dort wo jetzt der Lärmschutzwall direkt an der Nordstraße verläuft, soll zusätzlich noch ein Erweiterungsbau für die Schule an der Nordstraße entstehen. Das sei zwar nur Zukunftsmusik, aber erdacht und geplant wurde es schon mal (übrigens genauso wie Kopfbauten anstelle des Lärmschutzwalls an der ganzen Nordstraße entlang).

Wir mussten die Präsentation und die Vorstellung des Konzeptes erst einmal ein paar Tage sacken lassen um das tatsächliche Ausmaß überhaupt zu verstehen. Leider müssen wir sagen, dass das Konzept in der Gesamtbetrachtung nicht besser, sondern schlimmer geworden ist. Wir rechnen es durchaus hoch an, dass der Versuch unternommen wird uns Anwohner frühzeitig mit ein zu beziehen – durchaus. Aber am Ergebnis ändert das nichts. Natürlich haben wir Frau Wedler und Herrn Plagemann in dem Gespräch unsere Bedenken mitgeteilt. Mit Nachdruck haben wir darauf hingewiesen, dass diese Bebauung besonderes Fingerspitzengefühl erfordert. Hier, wo das alte Walle mit einem denkmalwürdigen Viertel auf die neue Überseestadt stößt. Wo 127 Jahre traditionelle Bremer Architektur und Geschichte auf die neuen, ambitionierten Pläne eines Reißbrettstadtviertels prallen. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und genau an dieser Stelle, an der man zeigen könnte, das die Verbindung über kluge, integrative und schöne Konzepte durchaus zu schaffen ist. Genau an dieser Stelle will Bremen wieder einmal versagen. Als wenn es nicht genug Flächen geben würde, als wenn es hier nicht schon genug geförderte Wohnungen auf einem Haufen geben würde, als wenn es das Heimatviertel und seine Tradition nicht geben würde. Das Waller Wied, welches schon immer kämpfen musste. Aber vielleicht ist das unser Vorteil. Wir wissen wie man sich wehrt. Wir haben Erfahrung darin. Und wir haben viele Unterstützer. So leicht geben wir nicht auf!

Erik Wankerl
i.A. Bürgerinitiative Heimatviertel


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